Was Scheinselbstständigkeit ist
Scheinselbstständigkeit liegt vor, wenn eine Person nach außen wie ein Selbstständiger auftritt (Gewerbeschein, Rechnungen, USt) – tatsächlich aber wie ein abhängig Beschäftigter arbeitet. Wenn die Deutsche Rentenversicherung das feststellt, wird die Tätigkeit rückwirkend als sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgedeutet.
Die Folgen treffen dich und deinen Auftraggeber. Beide haften für die Nachzahlung von Sozialversicherungsbeiträgen – bis zu vier Jahre rückwirkend.
Die Prüfkriterien der DRV
Die Deutsche Rentenversicherung prüft anhand mehrerer Kriterien. Je mehr Punkte zutreffen, desto höher das Risiko:
- Du hast nur einen Auftraggeber oder ein Auftraggeber stellt mehr als 5/6 deines Einkommens.
- Du arbeitest in den Räumlichkeiten des Auftraggebers mit dessen Equipment.
- Du hältst feste Arbeitszeiten ein, die der Auftraggeber vorgibt.
- Du bist in betriebliche Abläufe eingebunden wie ein Angestellter (E-Mail-Adresse der Firma, Teilnahme an Meetings, Visitenkarte mit Firmenlogo).
- Du hast keine eigenen Mitarbeiter und kein erkennbares Unternehmerrisiko.
- Du wirst nach Stunden bezahlt, nicht nach Werk oder Erfolg.
- Du bekommst bezahlten Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
Was passiert im Ernstfall
Stellt die DRV Scheinselbstständigkeit fest, wird die Tätigkeit rückwirkend als abhängige Beschäftigung eingestuft. Konsequenzen:
- Sozialabgaben: Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung müssen für bis zu 4 Jahre nachgezahlt werden – beide Anteile (Arbeitnehmer und Arbeitgeber).
- Säumniszuschläge: 1 % pro Monat auf die ausstehenden Beträge.
- Steuerliche Korrekturen: Vorsteuerabzüge werden rückgängig gemacht. Du musst die Umsatzsteuer, die du erhalten hast, an deinen ehemaligen Auftraggeber zurückzahlen.
- Haftung: Beide Parteien haften gesamtschuldnerisch, in der Praxis trifft die Forderung meist den Auftraggeber.
Konkret bei einem mittelgroßen Auftrag (3 Jahre lang, 4.000 Euro Monatsumsatz, ein Auftraggeber): Nachforderung in der Größenordnung von 30.000 bis 60.000 Euro.
Wie du es vermeidest
Drei einfache Regeln:
1. Mehrere Auftraggeber. Mindestens drei aktive Kunden, idealerweise fünf bis zehn. Niemand sollte mehr als 80 Prozent deines Einkommens ausmachen, lieber unter 50 Prozent.
2. Eigene Arbeitsmittel und Räume. Eigenes Werkzeug, eigene Software, eigene Geschäftsanschrift, eigene E-Mail-Adresse. Wenn du beim Kunden arbeitest, nimm dein Werkzeug mit.
3. Keine angestelltentypischen Strukturen. Keine festen Arbeitszeiten beim Kunden. Keine Teilnahme an Mitarbeiterversammlungen. Kein bezahlter Urlaub. Werkverträge oder Pauschalverträge bevorzugen, keine Stundenverträge.
Scheinselbstständigkeits-Klauseln
Manche Auftraggeber lassen sich vertraglich versichern, dass du Selbstständiger bist. Solche Klauseln helfen juristisch nichts. Die DRV prüft die tatsächliche Ausgestaltung der Tätigkeit, nicht den Wortlaut des Vertrags.
Im Gegenteil: Wenn der Auftraggeber so eine Klausel verlangt, ist das oft ein Indiz, dass er selbst Bedenken hat – ein Warnsignal für dich.
Statusfeststellungsverfahren
Wenn du Zweifel hast, ob deine Konstellation problematisch ist, kannst du bei der Clearingstelle der Deutschen Rentenversicherung ein Statusfeststellungsverfahren einleiten (§ 7a SGB IV). Das ist ein Antrag, mit dem die DRV verbindlich feststellt, ob die Tätigkeit selbstständig oder abhängig ist.
Vorteil: Rechtssicherheit. Nachteil: Wenn die DRV „abhängig” entscheidet, gilt das automatisch und der Vertrag muss umgestellt werden – du musst dich anstellen lassen oder die Konstellation ändern.
Die Antragstellung ist kostenlos. Bearbeitungszeit: 2 bis 4 Monate.
Praxisbeispiele
Beispiel 1 – Hausmeister mit einer Hausverwaltung als einzigem Kunden: Risiko hoch, wenn er ausschließlich für diese Verwaltung arbeitet, dort feste Tage hat und nach Stundensatz abrechnet. Lösung: Mehrere Verwaltungen als Kunden, Pauschalverträge pro Objekt, eigenes Werkzeug.
Beispiel 2 – IT-Support, der 3 Tage die Woche bei einer Firma arbeitet: Klassischer Fall mit hohem Risiko. Lösung: Wechsel zu mehreren Kunden, Werkverträge, Tätigkeit überwiegend von zu Hause.
Beispiel 3 – Immobilienmakler mit Maklervertrag bei einem großen Maklerbüro: Hier kommt es auf die konkrete Ausgestaltung an. Wer als „freier Mitarbeiter zu festen Zeiten im Büro sitzt und keine eigenen Kunden hat, ist gefährdet. Wer eigene Kunden hat und nur die Infrastruktur nutzt, ist meist sicher.
Was tun, wenn du gerade unsicher bist
- Liste deine aktuellen Auftraggeber und ihre Anteile am Gesamtumsatz auf. Liegt einer über 80 Prozent? → Akut.
- Frag dich ehrlich: Würde ein Außenstehender meine Arbeit als „Angestellter” beschreiben?
- Wenn ja oder unklar: Statusfeststellungsverfahren einleiten oder einen spezialisierten Fachanwalt für Sozialrecht konsultieren (Erstgespräch oft 100 bis 200 Euro – wesentlich günstiger als 30.000 Euro Nachzahlung).
Scheinselbstständigkeit ist eines der wenigen Risiken in der Selbstständigkeit, das im Hintergrund schwelt und Jahre später explodiert. Ein paar einfache Prinzipien – mehrere Auftraggeber, eigene Arbeitsmittel, Pauschalverträge – schützen dich zuverlässig.