Was die EÜR ist
Die Einnahmen-Überschuss-Rechnung ist die einfachere von zwei Buchhaltungsformen in Deutschland. Sie funktioniert nach dem Zufluss-Abfluss-Prinzip: Du erfasst Einnahmen, wenn das Geld bei dir ankommt – und Ausgaben, wenn es deinem Konto belastet wird. Mehr nicht.
Die EÜR darfst du nutzen, wenn:
- Du Freiberufler bist (immer EÜR-berechtigt).
- Oder du Gewerbetreibender bist mit Umsatz unter 800.000 Euro und Gewinn unter 80.000 Euro pro Jahr.
Über diesen Schwellen wirst du zur doppelten Buchführung mit Bilanz verpflichtet – ein deutlich anderes Spiel.
Selbst machen: was geht?
Die EÜR selbst zu machen ist für die meisten Quereinsteiger im ersten Jahr durchaus realistisch – wenn du:
- Maximal eine Handvoll Aufträge pro Monat hast
- Saubere Belege sammelst
- Bereit bist, dich einmal in die Logik einzuarbeiten
- Keine Sonderfälle hast (Auslandsumsätze, Mischbetrieb, Beteiligungen)
Was du selbst tun musst:
- Belege sammeln – jede Einnahme, jede Ausgabe, jeder Beleg digital oder in Ordnern
- Umsatzsteuer-Voranmeldungen (monatlich oder quartalsweise, falls regelbesteuert)
- EÜR jährlich erstellen – Anlage EÜR im Steuererklärungsformular
- Einkommensteuererklärung mit allen Nebenanlagen
Zeitaufwand realistisch: 4 bis 8 Stunden pro Monat für laufende Buchhaltung, plus 8 bis 16 Stunden für die Jahressteuererklärung. Bei wenigen Belegen weniger.
Tools im Überblick
Ohne Software wird die Selbstmach-Variante mühsam. Drei Kategorien:
Reine EÜR-Tools (für Einsteiger geeignet):
- WISO Steuer Selbstständig – einmalig 30 bis 50 Euro pro Steuerjahr, erledigt EÜR und Einkommensteuer in einem Programm. Für die meisten Quereinsteiger der praktischste Einstieg.
- SteuerSparErklärung Selbstständige – ähnliches Modell, ähnlicher Preis.
Buchhaltungs-Software mit Cloud:
- lexoffice (Lexware) – ab etwa 12 Euro pro Monat. Belege per App fotografieren, Rechnungen schreiben, USt-Voranmeldungen automatisch.
- sevdesk – ähnliches Konzept, ab etwa 9 Euro pro Monat.
- Buchhaltungsbutler, billbee, Papierkram – Spezialanbieter, je nach Schwerpunkt.
Was du nicht brauchst:
- DATEV – das ist Profi-Software für Steuerberater, nicht für dich.
- SAP, Sage – komplette Überdimensionierung.
Mein pragmatischer Tipp für das erste Jahr: WISO Steuer Selbstständig. Ein einmaliger Kauf, gute Anleitungen, alle Steuerarten in einem Programm. Wenn du später wachsen willst, kannst du immer noch zu lexoffice oder einem Steuerberater wechseln.
Was ein Steuerberater kostet
Steuerberater rechnen nach der Steuerberatergebührenverordnung (StBVV). Der Preis hängt ab vom Gegenstandswert (= deinen Einnahmen oder dem Gewinn). Faustwerte für einen Quereinsteiger:
- Erstgespräch: 100 bis 200 Euro pauschal
- Laufende Buchhaltung (Belege erfassen, USt-Voranmeldung): 80 bis 200 Euro pro Monat
- Jahres-EÜR: 300 bis 800 Euro
- Einkommensteuererklärung mit allen Anlagen: 200 bis 600 Euro
- Gesamtkosten pro Jahr für einen kleinen Selbstständigen: 1.500 bis 3.500 Euro
Wer einen Gewinn von 30.000 Euro macht und dafür 2.000 Euro Steuerberater zahlt, gibt also 6,7 Prozent des Gewinns dafür aus. Bei 60.000 Euro Gewinn nur 3,3 Prozent. Im Verhältnis sinkt der Anteil mit wachsendem Geschäft – und der Steuerberater spart dir oft mehr Steuer ein als er kostet.
Mischmodelle
Die elegante Lösung für viele Quereinsteiger:
Mischmodell 1 – Selbst, mit Endjahres-Steuerberater:
- Belege selbst sammeln und mit lexoffice oder sevdesk laufend erfassen.
- USt-Voranmeldungen selbst rausschicken (auf Knopfdruck im Tool).
- Am Jahresende Daten dem Steuerberater übergeben für die Jahres-EÜR und die Einkommensteuererklärung.
- Kosten: ca. 600 bis 1.200 Euro pro Jahr (statt 2.500 bis 3.500 Euro für komplette Betreuung).
Mischmodell 2 – Erstes Jahr Steuerberater, danach selbst:
- Im ersten Jahr Steuerberater nehmen, alles erklären lassen, sauber aufsetzen.
- Ab dem zweiten Jahr selbst übernehmen mit Tool.
- Bei Spezialfragen oder größeren Entscheidungen punktuell zurück zum Steuerberater.
Beide Modelle sind weit verbreitet und funktionieren gut.
Empfehlung nach Beruf
Selbst machen sinnvoll bei:
- Reinen Dienstleistern mit wenigen Belegen (Texter, Nachhilfelehrer, Coach)
- Kleinunternehmer-Status, weil keine Umsatzsteuer-Komplikationen
- Niedrigem Gewinn unter 30.000 Euro
- Sehr ähnlichen, wiederkehrenden Aufträgen
Mischmodell sinnvoll bei:
- Mittlerem Geschäftsumfang (30.000 bis 60.000 Euro Gewinn)
- Mehreren Auftraggebern und Kostenarten (Hausmeister, Personal Trainer, Fotograf)
- Wachstumsphase, in der Strukturen etabliert werden
Kompletter Steuerberater sinnvoll bei:
- Gewinn über 60.000 Euro pro Jahr
- Mehreren Einkommensquellen (Selbstständigkeit + Vermietung + Anlagen)
- Internationalen Geschäften
- Wenig Zeit oder Bock auf Buchhaltung
- Mitarbeitern und Lohnbuchhaltung
Vorbereitung fürs Steuerbüro
Wenn du einen Steuerberater nimmst, mach das Onboarding gut – du sparst dann massiv Stunden an Beraterzeit:
- Geschäftskonto trennen – privates Geld auf Privatkonto, geschäftliches Geld auf Geschäftskonto. Das halbiert die Erfassungszeit beim Steuerberater.
- Belege strukturiert übergeben – chronologisch sortiert, idealerweise digitalisiert (App-Foto reicht, wenn lesbar).
- Übersichts-Excel mit allen Einnahmen und Ausgaben monatlich. Klassisch, aber Steuerberater lieben sie.
- Klar formulierte Fragen sammeln und beim Termin abarbeiten. Spart Zeit gegenüber zehn einzelnen E-Mails.
Was du heute tun solltest
- Schätze deinen Belege-Aufwand: Wie viele Eingangsbelege pro Monat? Wie viele Ausgangsrechnungen?
- Bei wenig Aufwand und Kleinunternehmer-Status: Selbst machen mit WISO oder lexoffice.
- Bei mittlerem Aufwand oder Regelbesteuerung: Mischmodell 1 prüfen.
- Bei viel Aufwand oder Komplexität: Erstgespräche bei zwei Steuerberatern vereinbaren – beide hören dir zu, du wählst den, der konkrete Antworten gibt statt Gemeinplätze.
Es gibt nicht eine richtige Antwort. Es gibt eine Antwort, die zu deiner Phase passt.