„Künstliche Intelligenz ersetzt Millionen Jobs" – solche Sätze stimmen und sind doch wertlos, weil sie alles in einen Topf werfen. Nützlich wird es erst, wenn man nach dem einen Kriterium sortiert, das wirklich zählt: Wie sehr besteht eine Tätigkeit aus Mustern, die sich automatisieren lassen? Die Forschung zur KI gibt dazu erstaunlich klare Hinweise.
Was zuerst wackelt
Am stärksten betroffen sind Bildschirm-Tätigkeiten nach Schema. Goldman Sachs bezifferte 2023 den automatisierbaren Aufgabenanteil im Büro- und Verwaltungsbereich auf rund 46 Prozent, im juristischen Bereich auf 44 Prozent. Die Oxford-Ökonomen Frey und Osborne ordneten schon 2013 in einer Analyse von 702 Berufen Tätigkeiten wie Telefonverkauf, einfache Sachbearbeitung und Datenerfassung in die höchste Risikoklasse ein – mit Wahrscheinlichkeiten nahe 99 Prozent. Insgesamt sahen sie damals 47 Prozent der US-Arbeitsplätze als hoch gefährdet.
Warum man diese Zahlen mit Vorsicht lesen sollte
Hier ist Redlichkeit gefragt: Die berühmten 47 Prozent sind umstritten. Die Mannheimer Forscher Melanie Arntz, Terry Gregory und Ulrich Zierahn (ZEW, im Auftrag der OECD) zeigten 2016, dass diese Zahl viel zu hoch greift, weil sie ganze Berufe statt einzelner Aufgaben betrachtet. Rechnet man aufgabengenau, sind in Deutschland nur etwa 15 Prozent der Jobs wirklich hoch automatisierbar. Die Wahrheit liegt also zwischen Panik und Verharmlosung – ein Teil deiner Arbeit fällt weg, selten der ganze Beruf.
Was bleibt – und sogar wächst
Stabil sind Berufe mit körperlicher Arbeit, Anwesenheit vor Ort und echter Vertrauensarbeit. Goldman Sachs sah bei einfachen Instandhaltungs- und Reinigungstätigkeiten nur rund ein Prozent automatisierbares Volumen. Und das Weltwirtschaftsforum prognostizierte in seinem „Future of Jobs Report 2025" sogar das stärkste absolute Wachstum bei genau solchen Tätigkeiten: Lieferfahrer, Bauarbeiter, Verkäufer, Pflege- und Betreuungskräfte. Unterm Strich erwartet das Forum bis 2030 weltweit 92 Millionen verdrängte, aber 170 Millionen neue Stellen – netto ein Plus.
Die nüchterne Schlussfolgerung
Wenn deine Arbeit in der bedrohten Hälfte liegt, ist der naheliegende Gegenzug, in die stabile zu wechseln – zu einer Tätigkeit mit Händen, Nähe und Präsenz. Dass das ohne jahrelange Umschulung geht, zeigt die NEUSTART-Serie: 24 Berufe auf der sicheren Seite dieser Trennlinie.
Quellen
- Goldman Sachs / J. Briggs & D. Kodnani (2023): „The Potentially Large Effects of Artificial Intelligence on Economic Growth". goldmansachs.com
- C. B. Frey & M. Osborne, University of Oxford (2013): „The Future of Employment". oxfordmartin.ox.ac.uk
- M. Arntz, T. Gregory & U. Zierahn, ZEW Mannheim / OECD (2016): „The Risk of Automation for Jobs in OECD Countries".
- World Economic Forum (Januar 2025): „Future of Jobs Report 2025". weforum.org