Warum die meisten zu wenig tun
Drei Gründe, warum die Altersvorsorge bei Selbstständigen oft auf der Strecke bleibt:
- Im ersten Jahr ist das Geld knapp. 200 Euro im Monat „für die Rente" zurückzulegen, fühlt sich an wie Luxus, wenn man gerade noch das Geschäftskonto stabil hält. Verständlich – aber gefährlich.
- Das Thema ist überkomplex. Rürup, Riester, BasisRente, Versorgungswerk, ETF, KLV, fondsgebundene Lebensversicherung – wer da blicken soll, geht im Detail verloren und macht am Ende nichts.
- Das Alter ist abstrakt. Mit 32 ist es schwer, sich Versorgung mit 67 vorzustellen. Mit 47 schon viel klarer – nur sind dann 15 wertvolle Sparjahre vorbei.
Die Mathematik ist gnadenlos: Wer mit 30 anfängt und 200 Euro im Monat sinnvoll anlegt, hat mit 67 etwa 250.000 Euro angespart. Wer mit 45 anfängt, kommt nur noch auf 90.000 Euro – bei gleicher Monatsrate. Frühzeitiger Start ist der wichtigste Hebel.
Säule 1: Gesetzliche oder Versorgungswerk
Eine Sondergruppe vorweg: kammerpflichtige Berufe (Ärzte, Anwälte, Architekten, Apotheker, Tierärzte, Notare). Sie sind in ihrem Versorgungswerk pflichtversichert – ähnlich wie Angestellte in der GRV. Hier ist die Säule 1 automatisch belegt.
Für alle anderen Selbstständigen ist die gesetzliche Rentenversicherung freiwillig. Drei Optionen:
- Pflichtversichert (z. B. als Künstler/Publizist über die KSK, oder als Handwerker in den ersten Pflichtjahren).
- Freiwillig versichert. Du zahlst monatlich frei wählbar zwischen ~100 und ~1.300 Euro ein. Vorteil: gesetzlich abgesichert, plus Rentenpunkte sammeln. Nachteil: niedrige Rendite.
- Nicht in der gesetzlichen Rente. Du baust komplett privat auf.
Die Politik diskutiert seit Jahren eine Pflicht-Altersvorsorge für Selbstständige (Stand 2026 noch nicht umgesetzt, aber Gesetzentwürfe liegen vor). Wer früh anfängt, ist auf Änderungen vorbereitet.
Säule 2: Rürup-Rente (Basisrente)
Die Rürup-Rente ist eine privatwirtschaftliche Altersvorsorge mit erheblichen steuerlichen Vorteilen für Selbstständige. Eckdaten:
- Beitrag ist zu rund 96 Prozent steuerlich absetzbar (Stand 2026), maximal etwa 27.500 Euro pro Jahr.
- Auszahlung als lebenslange Rente ab Renteneintritt, frühestens 62.
- Nicht vererbbar (außer mit Hinterbliebenenschutz, kostet extra), nicht beleihbar, nicht pfändbar.
Vorteil: Wer einen Spitzensteuersatz hat, holt 30–42 Prozent des eingezahlten Betrags sofort über die Steuer zurück. Eine 200-Euro-Einzahlung pro Monat kostet effektiv nur 116–140 Euro.
Nachteil: weniger flexibel als ein ETF-Sparplan. Geld ist bis zum Renteneintritt gebunden. Wer sich verkalkuliert oder zwischenzeitlich Geld braucht, kommt nicht ran.
Wem passt es? Selbstständigen mit stabilem Einkommen und hohem Steuersatz. Wem nicht? Anfängern mit schwankendem Einkommen, die maximale Flexibilität brauchen.
Säule 3: ETF-Sparplan
Der unbürokratische Klassiker. Ein Depot bei einem Online-Broker (Comdirect, ING, Trade Republic, Scalable Capital), monatlich ein fester Betrag in einen breit gestreuten Welt-ETF (MSCI World oder FTSE All-World).
Eckdaten:
- Volle Flexibilität: jederzeit aufstockbar, pausierbar, kündbar.
- Kosten gering: 0,15–0,30 Prozent jährlich für den ETF, 0–2 Euro Order-Gebühr.
- Langfristig 5–7 Prozent reale Rendite pro Jahr (historisch, MSCI World 30-Jahres-Durchschnitt).
- Steuerlich: Gewinne werden bei Verkauf mit Abgeltungssteuer (25 %) belastet. Keine direkte Steuerersparnis wie bei Rürup.
Vorteil: maximale Flexibilität, hohe erwartbare Rendite, keine Bindung an Versicherer.
Nachteil: Disziplin nötig. Wer den Sparplan in der nächsten Auftragsflaute kündigt, killt die Strategie.
Die richtige Reihenfolge
Eine pragmatische Strategie für Solo-Selbstständige:
Phase 1 (erstes Jahr): ETF-Sparplan mit kleinem Betrag (50–100 Euro im Monat). Geld bleibt flexibel, du gewöhnst dich an die Routine.
Phase 2 (Jahr 2–3, stabiles Einkommen): Sparplan auf 200–400 Euro erhöhen. Erste Notgroschen-Reserve (3 Monatsausgaben) auf Tagesgeldkonto.
Phase 3 (ab Jahr 3 bei stabilem hohem Einkommen): Rürup-Rente parallel starten. Steuerersparnis von Rürup investierst du wiederum in den ETF-Sparplan. Effektiv kombinierst du beides.
Phase 4 (ab Jahr 5+): Optional Immobilien als vierte Säule, falls Eigenkapital aufgebaut.
Was du heute tun solltest
- Einmal anhalten: was ist heute deine Altersvorsorge? Wenn nichts: das ist der Auslöser zum Handeln.
- Depot eröffnen bei einem der genannten Online-Broker (Trade Republic oder Comdirect für Einsteiger gut geeignet).
- Monatlich kleinen ETF-Sparplan starten – auch 50 Euro reichen für den Anfang. Wichtig ist nicht der Betrag, sondern die Routine.
- Erst nach 2–3 Jahren stabiler Selbstständigkeit über Rürup nachdenken.
Altersvorsorge ist kein einmaliges Großprojekt, sondern eine monatliche 5-Minuten-Routine, die einmal eingerichtet 30+ Jahre läuft. Wer früh anfängt, kommt entspannt durchs Alter. Wer wartet, läuft dem fehlenden Geld hinterher.