Die Grundregel
In Deutschland ist jeder krankenversichert. Selbstständige haben (im Unterschied zu Angestellten unter der Versicherungspflichtgrenze) die Wahl zwischen drei Optionen:
- Freiwillig gesetzlich in einer GKV (TK, Barmer, AOK, etc.)
- Privat in einer PKV (Debeka, AXA, Allianz, Hanse Merkur, etc.)
- Künstlersozialkasse (KSK) für Künstler/Publizisten – nicht in diesem Artikel
Die Entscheidung trifft jeder bei der Anmeldung als Selbstständiger oder beim Wechsel aus der Pflichtversicherung. Was viele unterschätzen: diese Entscheidung ist faktisch lebenslang.
GKV als Selbstständiger
Eckdaten (Stand 2026):
- Beitrag: ca. 14,6 Prozent + Zusatzbeitrag (ca. 1,7 Prozent) + Pflegeversicherung (ca. 3,4 Prozent kinderlos) = effektiv 19–20 Prozent des Einkommens
- Mindestbeitrag: ca. 240–280 Euro/Monat, auch wenn du wenig verdienst
- Höchstbeitrag (Beitragsbemessungsgrenze): ca. 1.080 Euro/Monat ab ca. 5.500 Euro Einkommen
- Familienversicherung gratis: Ehepartner und Kinder unter 25 ohne eigenes Einkommen sind beitragsfrei mitversichert
Krankenkasse-Wahl beeinflusst nur den Zusatzbeitrag (Schwankung ca. 0,5–2,4 Prozent). Leistungen sind weitgehend identisch.
PKV als Selbstständiger
Eckdaten:
- Beitrag: nicht einkommensabhängig, sondern risiko-abhängig (Alter beim Eintritt, Vorerkrankungen, gewünschte Leistungen)
- Junge, gesunde Selbstständige zahlen oft 250–400 Euro/Monat für umfassende Leistungen
- Familienangehörige sind nicht gratis mitversichert – jeder Versicherte zahlt eigenen Beitrag
- Beiträge steigen mit dem Alter und steigenden Gesundheitskosten überproportional
Was die PKV oft bietet: schnellere Arzttermine, Chefarzt-Behandlung, Einzelzimmer, Zahnersatz mit höherem Erstattungssatz, alternative Heilmethoden, höherwertige Brillen-/Hörgeräte.
Der echte Vergleich
Beispielrechnung: 35-jähriger Coach, 4.000 Euro Einkommen, ledig, gesund.
GKV: ca. 800 Euro/Monat (20 Prozent von 4.000). Bei Einkommenswachstum auf 6.000 Euro steigt der Beitrag auf den Höchstbeitrag von ca. 1.080 Euro.
PKV: ca. 350 Euro/Monat. Klingt günstiger – aber: Beitrag steigt jährlich. Mit 50 Jahren erfahrungsgemäß 600–800 Euro/Monat. Mit 65 Jahren oft 1.200–1.800 Euro/Monat. Im Alter, wo das Einkommen oft sinkt.
Familienfall: gleicher Coach mit nicht-arbeitender Ehefrau und 2 Kindern.
GKV: gleicher Beitrag wie oben (ca. 800 Euro), Familie gratis mit.
PKV: Coach 350, Ehefrau 350, Kinder je 150 = ca. 1.000 Euro/Monat. PKV wird hier teurer als GKV.
Der Rückweg – warum er schwer ist
Wechsel von der PKV zurück in die GKV ist möglich, aber an strenge Bedingungen geknüpft:
- Bis 55 Jahre: nur wenn dein Einkommen unter die Versicherungspflichtgrenze fällt UND du in ein Angestelltenverhältnis wechselst.
- Ab 55 Jahren: praktisch gesperrt. Wer als Selbstständiger mit 55+ in der PKV ist, bleibt dort bis zum Lebensende.
Es gibt Ausnahmewege (KSK, Pflichtversicherung bei Anstellung als Geschäftsführer, Künstlerstatus), aber sie sind eng begrenzt. Faustregel: wer einmal in der PKV ist, bleibt drin.
Wie du entscheidest
Fünf Fragen, die führen:
- Familie geplant oder vorhanden? → GKV ist meistens günstiger.
- Einkommen stabil über 6.000 Euro im Monat? → PKV bei jungen, gesunden Selbstständigen oft günstiger.
- Vorerkrankungen? → PKV oft teuer oder unmöglich.
- Plan: nochmal angestellt arbeiten? → GKV macht den Wechsel zurück einfacher.
- Im Alter Sicherheit wichtig? → GKV ist im Alter berechenbarer.
Im Zweifel: GKV. Eine Entscheidung, die du in 10 Jahren ändern willst, ist in der GKV einfacher rückgängig zu machen als in der PKV.
Was du heute tun solltest
- Falls noch keine Entscheidung getroffen: 5 Fragen oben durchgehen.
- Falls bereits in PKV: einmal beim Versicherer den Beitragsverlauf der nächsten 20 Jahre durchrechnen lassen.
- Falls in GKV: prüfen, ob Wahltarif Krankengeld sinnvoll ist (Beitrag ca. 0,6 Prozent, Anspruch ab Tag 43).
- Bei Familie/Lebensentscheidungen: einmalig 60 Minuten mit unabhängigem Versicherungsberater (nicht von einer Versicherung selbst!) sprechen. Kosten: 150–300 Euro einmalig. Wert: Tausende über die Jahre.
GKV oder PKV ist keine moralische Frage, sondern eine mathematische. Wer rechnet, entscheidet meist anders, als wer den Vertreter sprechen lässt.