Ich bin seit 1991 selbstständig. Was du hier liest, ist Erfahrung und keine Statistik. Wo es feste Regeln gibt, steht der Stand vom Oktober 2026 dabei.

Wie es als Angestellter aussieht

Eine Vollzeitstelle mit langer Einarbeitung ist in diesem Alter schwer zu bekommen. Das ist meine Einschätzung, und ich sage es lieber offen, als dir etwas vorzumachen. Besser laufen Teilzeit, Minijobs, befristete Einsätze, Zeitarbeit und Tätigkeiten in Bereichen, in denen Leute fehlen: Betreuung, Fahrdienste, Objektbetreuung, Lager und Zustellung. Das bringt Geld und Struktur, aber selten ein Gehalt, das für die 30 Berufsjahre davor steht.

Dafür spricht

Regelmäßiges Einkommen, keine Akquise, automatische Sozialversicherung.

Dagegen spricht

Bezahlung meist am unteren Ende, wenig Mitsprache, und die Stelle gehört dem Arbeitgeber, nicht dir.

Weiterarbeiten über 67: die Aktivrente und ihre Grenze

Seit 1. Januar 2026 gibt es die Aktivrente. Wer nach Erreichen der Regelaltersgrenze als Angestellter weiterarbeitet, kann bis zu 2.000 Euro im Monat (24.000 Euro im Jahr) steuerfrei hinzuverdienen. Sozialversicherungsbeiträge fallen für Kranken- und Pflegeversicherung weiter an, für Arbeitslosen- und Rentenversicherung nicht. Der entscheidende Punkt für dich: Die Aktivrente gilt nur für Arbeitnehmer. Selbstständige, Freiberufler und Minijobber sind ausgeschlossen.

Das ist kein Argument gegen die Selbstständigkeit, aber es gehört in die Rechnung. Wer plant, nach 67 noch zu arbeiten, und dafür eine Steuerfreiheit nutzen will, tut das als Angestellter. Wer selbstständig bleibt, zahlt Steuer auf den Gewinn wie bisher.

Selbstständig ab 60: die Regeln

Mit weniger Zeit bis zur Rente gelten andere Regeln als mit 40. Meine fünf:

  1. Wenig investieren. Was sich erst nach drei Jahren bezahlt macht, rechnet sich mit 60 anders. Starte mit dem, was du hast.
  2. Schnell die erste Rechnung. Tätigkeiten, bei denen du in Wochen statt Monaten Geld verdienst, sind besser als solche mit langem Anlauf.
  3. Kein Kredit. Kein Gewerbe, das mit 60 auf Schulden gebaut wird, ist es wert.
  4. Absicherung zuerst. Krankenversicherung und Rücklagen vor dem ersten Kunden.
  5. Keine Pakete kaufen. Jeder, der dir ein „Gründerpaket", ein Franchise oder einen Vertriebseinstieg gegen Vorauszahlung verkauft, will dein Geld, nicht dein Wohl. Dein Alter wird dabei gern als Verkaufsargument benutzt.

Sieben Tätigkeiten, die ab 60 funktionieren können

Die Tabelle ist meine Einschätzung aus der Praxis. „Bis zur ersten Rechnung" meint die Zeit von der Entscheidung bis zum ersten bezahlten Auftrag, wenn du die Sache ernsthaft betreibst.

TätigkeitKörperlichStartkostenBis zur ersten RechnungPasst, wenn du …
Seniorenbegleitunggering bis mittelniedrigWochengeduldig bist und gern mit älteren Menschen arbeitest
ComputerservicegeringniedrigWochentechnikaffin bist und erklären kannst
Einkaufsservicegering bis mittelsehr niedrigWochenzuverlässig bist und kaum Kapital einsetzen willst
Nähservicegeringniedrig bis mittelWochen bis Monatenähen kannst und Geduld für Kleinkram hast
Zimmerpflanzenservicegering bis mittelniedrigWochen bis MonatePflanzenwissen hast und feste Termine magst
Hausmeisterservice (leichte Objektbetreuung)mittelniedrig bis mittelWochen bis Monatehandwerklich geschickt bist und auf Stammkunden setzt
Flohmarkt und Trödel (auch online)mittelniedrigWochenein Auge für Ware hast und gern handelst

Zu den meisten dieser Tätigkeiten gibt es einen eigenen Quick Guide mit Startkosten, Preisen, rechtlichen Fragen und den ersten 90 Tagen: alle 24 Quick Guides. Einzelne Beispiele: Seniorenbegleitung, Computerservice, Einkaufsservice.

Was ich ab 60 lassen würde: Umzüge, Entrümpelungen, Fensterputzen und Gartenarbeit im großen Stil. Das sagt dir kein Bewerbungsratgeber, aber dein Rücken sagt es dir im zweiten Jahr, und ein Ausfall von drei Monaten kostet dich mehr als jede Ersparnis beim Einstieg.

Rente, Krankenversicherung, Zuschuss: das Kleingedruckte

Wenn du schon Rente beziehst. Eine Rente vor der Regelaltersgrenze bedeutet dauerhafte Abschläge. Wer nebenher selbstständig arbeitet, muss das der Rentenversicherung melden und beim Einkommen auf Grenzen und Steuer achten. Welche Regeln gelten, hängt von der Rentenart ab. Lass dir das vor dem Start bei der Deutschen Rentenversicherung bestätigen, am besten schriftlich.

Krankenversicherung. Wer freiwillig gesetzlich versichert ist, zahlt 14,6 Prozent plus den Zusatzbeitrag der Kasse. Selbstständige können einen ermäßigten Satz von 14,0 Prozent wählen, dann entfällt der Anspruch auf Krankengeld. Für 2026 wird der Beitrag mindestens auf ein fiktives Einkommen von 1.318,33 Euro im Monat berechnet, auch wenn du weniger oder nichts verdienst. Rechne als Untergrenze mit knapp 300 Euro im Monat einschließlich Pflegeversicherung, je nach Kasse. Das ist meine Überschlagsrechnung, nicht der Bescheid deiner Kasse. Und denk an den Ausfall: Ohne Krankengeld verdienst du bei Krankheit nichts.

Gründungszuschuss. Wenn du Arbeitslosengeld I beziehst, kommt der Gründungszuschuss infrage. Er ist eine Ermessensleistung der Arbeitsagentur, einen Rechtsanspruch gibt es nicht. Du brauchst beim Start mindestens 150 Tage Restanspruch auf Arbeitslosengeld I, die Tätigkeit muss hauptberuflich sein, und eine Stelle muss die Tragfähigkeit bestätigen. Wichtig ab 60: Die Förderung endet in dem Monat, in dem du die Regelaltersrente erreichst. Rechne also mit der verbleibenden Zeit.

Steuern und Anmeldung. Gewerbliche Tätigkeiten meldest du beim Gewerbeamt an, danach schickt das Finanzamt den Fragebogen zur steuerlichen Erfassung, den du über ELSTER ausfüllst. Die Kleinunternehmerregelung gilt seit 2025 mit neuen Grenzen: 25.000 Euro netto Umsatz im Vorjahr und höchstens 100.000 Euro netto im laufenden Jahr. Solange du darunter bleibst, weist du keine Umsatzsteuer aus.

Realistisch bleiben

Selbstständigkeit ab 60 ist nichts für jeden. Wenn du gesundheitlich nicht belastbar bist, wenn dir Kunden gewinnen schwerfällt oder wenn du das Geld brauchst, das du nicht hast, ist ein fester kleiner Job oft die klügere Lösung. Und wenn du dich dafür entscheidest, such dir einen Plan B: Was passiert, wenn du drei Monate ausfällst, und was, wenn nach einem Jahr zu wenig reinkommt? Wer diese Fragen vor dem Start beantwortet hat, kann in Ruhe anfangen. Wer sie nicht beantworten kann, sollte den Start verschieben.

Ein sicherer Weg zum Ausprobieren ist der nebenberufliche Start: nebenberuflich starten.

TK

Tomas Kayser

Selbstständig seit 1991, Autor der NEUSTART-Serie. Ab 60 zähle ich anders als mit 40 – nicht pessimistischer, nur nüchterner. Alle 24 Berufe ansehen →

Häufige Fragen

Kann ich mich mit 60 noch selbstständig machen?

Ja, ein Höchstalter gibt es nicht. Wichtig sind eine Tätigkeit mit niedrigen Startkosten, eine saubere Absicherung und die Bereitschaft, Kunden aktiv zu gewinnen.

Welche Berufe gehen ab 60 noch als Quereinsteiger?

Angestellt vor allem Teilzeit- und befristete Stellen in Betreuung, Fahrdienst, Objektbetreuung, Lager und Zustellung. Selbstständig Dienstleistungen wie Seniorenbegleitung, Computerservice, Einkaufsservice, Nähservice und Zimmerpflanzenservice.

Gilt die Aktivrente auch für Selbstständige?

Nein. Die Aktivrente (bis 2.000 Euro im Monat steuerfrei, seit 2026) gilt nur für Arbeitnehmer, die nach Erreichen der Regelaltersgrenze weiterarbeiten. Selbstständige, Freiberufler und Minijobber sind ausgeschlossen.

Darf ich neben der Rente selbstständig arbeiten?

Ja, aber du musst es der Rentenversicherung melden, und je nach Rentenart gelten Regeln für das Einkommen und die Steuer. Frag vor dem Start bei der Deutschen Rentenversicherung nach.

Lohnt sich ein Gründungszuschuss ab 60?

Wenn du Arbeitslosengeld I beziehst und die Voraussetzungen erfüllst, kann er helfen. Er endet aber spätestens mit dem Monat, in dem du die Regelaltersrente erreichst. Frag vor dem Start bei der Arbeitsagentur nach.

Welche Tätigkeit passt zu dir?

Rechne durch, was du im ersten halben Jahr brauchst, und teste nebenberuflich.