Die Grundregel
In Deutschland ist jeder krankenversichert. Selbstständige haben (im Unterschied zu Angestellten unter der Versicherungspflichtgrenze) die Wahl zwischen drei Optionen:
- Freiwillig gesetzlich in einer GKV (TK, Barmer, AOK, etc.)
- Privat in einer PKV (Debeka, AXA, Allianz, Hanse Merkur, etc.)
- Künstlersozialkasse (KSK) für Künstler/Publizisten – nicht in diesem Artikel
Die Entscheidung trifft jeder bei der Anmeldung als Selbstständiger oder beim Wechsel aus der Pflichtversicherung. Was viele unterschätzen: diese Entscheidung ist faktisch lebenslang.
GKV als Selbstständiger
Eckdaten (Stand 2026):
- Beitrag: ca. 14,6 Prozent + Zusatzbeitrag (ca. 2,9 Prozent) + Pflegeversicherung (3,6 Prozent, kinderlos 4,2 Prozent) = effektiv rund 21 Prozent des Einkommens
- Mindestbeitrag: rund 280 Euro/Monat, auch wenn du wenig verdienst
- Höchstbeitrag (Beitragsbemessungsgrenze): ca. 1.260 Euro/Monat ab 5.812,50 Euro Einkommen
- Familienversicherung gratis: Ehepartner und Kinder unter 25 ohne eigenes Einkommen sind beitragsfrei mitversichert
Krankenkasse-Wahl beeinflusst nur den Zusatzbeitrag (Schwankung ca. 0,5–2,4 Prozent). Leistungen sind weitgehend identisch.
PKV als Selbstständiger
Eckdaten:
- Beitrag: nicht einkommensabhängig, sondern risiko-abhängig (Alter beim Eintritt, Vorerkrankungen, gewünschte Leistungen)
- Junge, gesunde Selbstständige zahlen oft 250–400 Euro/Monat für umfassende Leistungen
- Familienangehörige sind nicht gratis mitversichert – jeder Versicherte zahlt eigenen Beitrag
- Beiträge steigen mit dem Alter und steigenden Gesundheitskosten überproportional
Was die PKV oft bietet: schnellere Arzttermine, Chefarzt-Behandlung, Einzelzimmer, Zahnersatz mit höherem Erstattungssatz, alternative Heilmethoden, höherwertige Brillen-/Hörgeräte.
Der echte Vergleich
Beispielrechnung: 35-jähriger Coach, 4.000 Euro Einkommen, ledig, gesund.
GKV: ca. 840 Euro/Monat (21 Prozent von 4.000). Bei Einkommenswachstum auf 6.000 Euro steigt der Beitrag auf den Höchstbeitrag von ca. 1.260 Euro.
PKV: ca. 350 Euro/Monat. Klingt günstiger – aber: Beitrag steigt jährlich. Mit 50 Jahren erfahrungsgemäß 600–800 Euro/Monat. Mit 65 Jahren oft 1.200–1.800 Euro/Monat. Im Alter, wo das Einkommen oft sinkt.
Familienfall: gleicher Coach mit nicht-arbeitender Ehefrau und 2 Kindern.
GKV: gleicher Beitrag wie oben (ca. 840 Euro), Familie gratis mit.
PKV: Coach 350, Ehefrau 350, Kinder je 150 = ca. 1.000 Euro/Monat. PKV wird hier teurer als GKV.
Der Rückweg – warum er schwer ist
Wechsel von der PKV zurück in die GKV ist möglich, aber an strenge Bedingungen geknüpft:
- Bis 55 Jahre: nur wenn dein Einkommen unter die Versicherungspflichtgrenze fällt UND du in ein Angestelltenverhältnis wechselst.
- Ab 55 Jahren: praktisch gesperrt. Wer als Selbstständiger mit 55+ in der PKV ist, bleibt dort bis zum Lebensende.
Es gibt Ausnahmewege (KSK, Pflichtversicherung bei Anstellung als Geschäftsführer, Künstlerstatus), aber sie sind eng begrenzt. Faustregel: wer einmal in der PKV ist, bleibt drin.
Wie du entscheidest
Fünf Fragen, die führen:
- Familie geplant oder vorhanden? → GKV ist meistens günstiger.
- Einkommen stabil über 6.000 Euro im Monat? → PKV bei jungen, gesunden Selbstständigen oft günstiger.
- Vorerkrankungen? → PKV oft teuer oder unmöglich.
- Plan: nochmal angestellt arbeiten? → GKV macht den Wechsel zurück einfacher.
- Im Alter Sicherheit wichtig? → GKV ist im Alter berechenbarer.
Im Zweifel: GKV. Eine Entscheidung, die du in 10 Jahren ändern willst, ist in der GKV einfacher rückgängig zu machen als in der PKV.
Was du heute tun solltest
- Falls noch keine Entscheidung getroffen: 5 Fragen oben durchgehen.
- Falls bereits in PKV: einmal beim Versicherer den Beitragsverlauf der nächsten 20 Jahre durchrechnen lassen.
- Falls in GKV: prüfen, ob Wahltarif Krankengeld sinnvoll ist (Beitrag ca. 0,6 Prozent, Anspruch ab Tag 43).
- Bei Familie/Lebensentscheidungen: einmalig 60 Minuten mit unabhängigem Versicherungsberater (nicht von einer Versicherung selbst!) sprechen. Kosten: 150–300 Euro einmalig. Wert: Tausende über die Jahre.
GKV oder PKV ist keine moralische Frage, sondern eine mathematische. Wer rechnet, entscheidet meist anders, als wer den Vertreter sprechen lässt.
Häufige Fragen
GKV oder PKV als Selbstständiger – was ist besser?
Das ist keine moralische, sondern eine mathematische Frage. Die PKV ist günstig für junge, gesunde, alleinstehende Selbstständige; sobald Familie dazukommt oder das Alter wirkt, ist die GKV oft günstiger. Im Zweifel GKV, weil sich diese Entscheidung später leichter rückgängig machen lässt.
Warum ist die GKV bei Familien meist günstiger?
In der gesetzlichen Krankenversicherung sind Ehepartner und Kinder unter 25 ohne eigenes Einkommen beitragsfrei mitversichert. In der PKV zahlt jeder Versicherte einen eigenen Beitrag, was bei Familien schnell teurer wird als die GKV.
Warum kommt man aus der PKV kaum zurück?
Ein Wechsel zurück in die GKV ist bis 55 nur möglich, wenn das Einkommen unter die Versicherungspflichtgrenze fällt und man in ein Angestelltenverhältnis wechselt. Ab 55 ist der Rückweg für Selbstständige praktisch gesperrt.
Wie stark steigen PKV-Beiträge im Alter?
Die PKV ist risiko- statt einkommensabhängig, die Beiträge steigen mit dem Alter überproportional. Wer mit 30 einsteigt, sollte damit rechnen, mit 65 das Drei- bis Vierfache zu zahlen, oft genau dann, wenn das Einkommen sinkt.