Praxistipp Stand: Juni 2026 · 5 Min. Lesezeit

Preise:
Warum fast jeder Gründer zu billig anfängt.

„Ich fange erstmal niedrig an, um Kunden zu gewinnen.” Das klingt vernünftig. Es ist fast immer ein Fehler – aus Gründen, die viele erst nach einem Jahr verstehen, wenn sie merken, dass sie sich in eine Falle gearbeitet haben. Warum dein Preis vom ersten Tag an höher sein sollte, als du denkst, und warum billige Kunden die teuersten sind.

Die Niedrigpreis-Falle

Preiskalkulation: Was vom Stundenlohn übrig bleibtBalkendiagramm zeigt wie von 30 Euro Stundenlohn nach Abzügen nur 11 Euro netto übrig bleiben30 € Stundenlohn (Angebot)− 7 € KV− 7 € Steuer (30 %)− 5 € Leerlauf− ? € Material≈ 11 € netto bleibtFaustregel: Mindest-Stundensatz = Wunschnettolohn × 2,5
Von 30 € Stundenlohn bleiben nach Abzügen ~11 € netto

Quereinsteiger denken oft: „Ich bin neu, ich kann nicht so viel verlangen wie die Etablierten.” Logisch klingt das. In der Praxis ist es selten richtig.

Wer 30 Prozent unter Marktpreis startet, gewinnt zwar schneller die ersten Kunden – aber:

  • Er gewinnt die falschen Kunden (preisbewusst, anspruchsvoll, wenig loyal).
  • Er kann sich später kaum noch hochpreisen, ohne diese Kunden zu verlieren.
  • Er konkurriert auf einem Feld, auf dem es immer noch Billigeren gibt.
  • Er verdient nicht genug, um in Qualität und Wachstum zu investieren.

So kalkulierst du richtig

Eine einfache Formel für deinen Stundensatz als Selbstständiger:

Formel:
(Wunschnetto + Sozialversicherung + Steuerrücklage + Fixkosten + Sicherheitspuffer) ÷ Verrechenbare Stunden = Stundensatz

Schritt 1: Wunschnetto pro Monat festlegen. Ehrlich. Was brauchst du zum Leben? 2.500 Euro? 3.500 Euro?

Schritt 2: Sozialversicherung addieren. Ca. 800 bis 1.200 Euro pro Monat (Krankenkasse, ggf. Rente, Pflege).

Schritt 3: Steuerrücklage. Faustregel: 30 Prozent des Bruttoeinkommens für Einkommensteuer plus ggf. Gewerbesteuer.

Schritt 4: Fixkosten des Geschäfts. Versicherung, Telefon, Material, Fahrtkosten, Buchhaltung. 200 bis 800 Euro je nach Beruf.

Schritt 5: Verrechenbare Stunden. Realistisch: 100 Stunden pro Monat. Nicht 160. Du brauchst auch Zeit für Buchhaltung, Akquise, Krankheit, Urlaub und unbezahlte Vorbereitungszeit.

Konkretes Beispiel

Ein Hausmeister will netto 2.500 Euro im Monat verdienen.

  • Wunschnetto: 2.500 Euro
  • Sozialversicherung: 800 Euro
  • Steuerrücklage (30 % auf das Brutto, vereinfacht): 1.400 Euro
  • Fixkosten: 400 Euro
  • Sicherheitspuffer: 300 Euro
  • Summe Bruttobedarf: 5.400 Euro

Bei 100 verrechenbaren Stunden ergibt das einen Stundensatz von 54 Euro – netto, ohne Material.

Viele Hausmeister-Quereinsteiger starten mit 25 oder 30 Euro die Stunde. Sie schaffen damit höchstens den Sozialversicherungsbeitrag und ein bisschen Lebensunterhalt. Steuerrücklage? Wird vergessen. Im zweiten Jahr kommt das böse Erwachen mit der Steuernachzahlung.

Warum billige Kunden die teuersten sind

Eine empirische Beobachtung aus der Praxis: Kunden, die nur über den Preis kaufen, sind später die anstrengendsten. Sie:

  • diskutieren über jede Position der Rechnung
  • verzögern Zahlungen
  • fordern Nacharbeiten zum gleichen Preis
  • schreiben schneller schlechte Bewertungen, wenn etwas nicht perfekt läuft
  • empfehlen dich an andere preisbewusste Kunden weiter (= Negativ-Spirale)

Kunden, die einen fairen Marktpreis zahlen, behandeln dich respektvoller. Sie gehen davon aus, dass du Profi bist. Sie diskutieren weniger und empfehlen dich an andere zahlungskräftige Kunden weiter.

Preise später erhöhen

Theoretisch kannst du Preise später erhöhen. In der Praxis ist das schwierig:

  • Bestandskunden wehren sich gegen Erhöhungen, weil sie sich „überrumpelt” fühlen.
  • Du verlierst die Kunden, die nur wegen des Preises gekommen sind. Das sind oft 30 bis 50 Prozent.
  • Eine Erhöhung um 20 Prozent ist aus Kundensicht eine große Steigerung – gleicher Preis von Anfang an wäre akzeptiert worden.

Es ist wesentlich einfacher, mit dem richtigen Preis zu starten und gelegentlich kleine Inflationsanpassungen vorzunehmen, als später eine größere Korrektur zu erzwingen.

Psychologie auf Kundenseite

Der Preis ist auch ein Qualitätssignal. Wenn ein Hausmeister 25 Euro die Stunde verlangt, vermutet ein Kunde unbewusst: schlechte Qualität, Hobby-Anbieter, kein professionelles Auftreten. Bei 55 Euro die Stunde vermutet er: erfahrener Profi.

Beide Vermutungen sind oft falsch – aber sie wirken. Ein moderater Preis kostet dich Aufträge bei Premium-Kunden, ohne dass du es merkst, weil sie dich gar nicht erst anrufen.

Rechner zum Thema: Der Stundensatz-Rechner kalkuliert deinen Mindest- und Zielsatz aus Wunschgehalt, Kosten und fakturierbaren Stunden – kostenlos, mit Rechenweg.

Was du heute tun solltest

  1. Berechne deinen Stundensatz nach der Formel oben. Ehrlich.
  2. Recherchiere Marktpreise in deiner Region für deinen Beruf. Lokale Konkurrenz, Bewertungen, Aushänge, Plattformpreise.
  3. Setze deinen Preis bei 80 bis 100 Prozent des Marktpreises an – nicht darunter.
  4. Begründe ihn nicht. Wer nach dem Preis fragt, fragt nach einer Zahl, nicht nach einer Verteidigung.
  5. Halte den Preis bei den ersten drei Anfragen, auch wenn jemand verhandeln will. Du wirst überrascht sein, wie oft er trotzdem zustimmt.
FAQ

Häufige Fragen

Warum sollte ich nicht zu billig anfangen?

Wer 30 Prozent unter Marktpreis startet, gewinnt zwar schneller Kunden, aber die falschen: preisbewusst, anspruchsvoll, wenig loyal. Man kann sich später kaum noch hochpreisen, konkurriert mit immer Billigeren und verdient nicht genug, um in Qualität und Wachstum zu investieren.

Wie berechne ich meinen Stundensatz?

Nach der Formel Wunschnetto plus Sozialversicherung plus Steuerrücklage plus Fixkosten plus Sicherheitspuffer, geteilt durch die verrechenbaren Stunden. Realistisch sind etwa 100 verrechenbare Stunden im Monat, nicht 160, weil auch Buchhaltung, Akquise, Krankheit und Urlaub Zeit kosten.

Warum sind billige Kunden die teuersten?

Sie diskutieren jede Rechnungsposition, verzögern Zahlungen, fordern kostenlose Nacharbeiten, schreiben schneller schlechte Bewertungen und empfehlen einen an andere preisbewusste Kunden weiter. Wer einen fairen Marktpreis zahlt, behandelt einen respektvoller und diskutiert weniger.

Kann ich die Preise später erhöhen?

Theoretisch ja, praktisch schwierig. Bestandskunden fühlen sich überrumpelt, man verliert die reinen Preiskunden, oft 30 bis 50 Prozent, und eine Erhöhung um 20 Prozent wirkt groß. Viel einfacher ist, mit dem richtigen Preis zu starten und nur kleine Inflationsanpassungen zu machen.